In ihrem Buch Mystik und Widerstand aus dem
Jahre 1997 schreibt die Theologin Dorothee Sölle, dass das, was in den
Predigten abgekürzt »Evangelium« genannt werde, bestenfalls zum Ausdruck
bringe, dass Gott uns liebt, beschützt, neu macht und rettet. Dass
umgekehrt Menschen Gott lieben, beschützen, neu machen und retten,
klinge für viele größenwahnsinnig oder gar verrückt. Es sei aber diese
Verrücktheit der gegenseitigen Gottesliebe, von der Mystikerinnen und Mystiker
erfüllt sind.
Dem stimme ich zu. Ergänzen möchte ich, dass jede
Verrücktheit, wenn sie lange andauert, das eigene Leben schädigt, verkürzt oder
gar zerstört. Vor seinem Tod (heute vor 800 Jahren) war der 44-jährige Franziskus zu einem puren
Gerippe abgemagert, die Haut schien an den Knochen zu kleben, und die Ärzte und
Brüder wunderten sich, dass er überhaupt noch eine Spur Leben in sich hatte.
Erst jetzt – so ist es überliefert – entschuldigte er sich bei »Bruder Esel«. So
nannte er seinen Körper, den er nicht nur kaum geschont, sondern den er zur Buße
bewusst gegängelt und gegeißelt hatte.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sagt unser Herr und
Meister. An dieser Stelle möchte ich Franziskus fragen: Woran erkenne ich deine
gesunde Selbstliebe?
