Samstag, 3. Oktober 2026

Meine Frage an Franziskus

In ihrem Buch Mystik und Widerstand aus dem Jahre 1997 schreibt die Theologin Dorothee Sölle, dass das, was in den Predigten abgekürzt »Evangelium« genannt werde, bestenfalls zum Ausdruck bringe, dass Gott uns liebt, beschützt, neu macht und rettet. Dass umgekehrt Menschen Gott lieben, beschützen, neu machen und retten, klinge für viele größenwahnsinnig oder gar verrückt. Es sei aber diese Verrücktheit der gegenseitigen Gottesliebe, von der Mystikerinnen und Mystiker erfüllt sind.
Dem stimme ich zu. Ergänzen möchte ich, dass jede Verrücktheit, wenn sie lange andauert, das eigene Leben schädigt, verkürzt oder gar zerstört. Vor seinem Tod (heute vor 800 Jahren) war der 44-jährige Franziskus zu einem puren Gerippe abgemagert, die Haut schien an den Knochen zu kleben, und die Ärzte und Brüder wunderten sich, dass er überhaupt noch eine Spur Leben in sich hatte. Erst jetzt – so ist es überliefert – entschuldigte er sich bei »Bruder Esel«. So nannte er seinen Körper, den er nicht nur kaum geschont, sondern den er zur Buße bewusst gegängelt und gegeißelt hatte.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sagt unser Herr und Meister. An dieser Stelle möchte ich Franziskus fragen: Woran erkenne ich deine gesunde Selbstliebe?