Samstag, 23. Februar 2019

Des Menschen Wert

Ich
bereue nicht,
welcher ich bin;
habe wenig falsch gemacht,
will einen Berg besteigen und
auf dem Gipfel mächtig stolz sein


Doch mein Weg hat Konkurrenz:
Des Menschen objektiver Wert
steht oder fällt
mit seinem
Werk


Ich habe
Angst zu scheitern,
doch
ich atme,
also lebe ich


Welchen andern Schatz
ersehne ich
noch
neben meiner inniglich
Geliebten?

Dienstag, 12. Februar 2019

Gebet

Lieber Gott, ich bitte dich, zeige mir den Weg;
ich möchte ihn bewusst und sehend gehen,
ihn gestalten und mich an ihm freuen,
in Frieden mit mir selbst und mit der Welt sein,
leichten Herzens, mit Musik in beiden Ohren,
lachend und mit Zuversicht im Kopf

Doch eher muss ich blind und taumelnd
mich von einem Hindernis zum andern tasten,
hilflos tragen, was mir widerfährt,
trauern, fürchten, zittern, bangen;
eher müssen Menschen hungern,
sich belügen und bekriegen;
eher wird mein Kopf zu schwer,
eher bleiben meine Hände leer
 
Kann ich lachen,
wenn ich nicht bekomme, was ich will?
Dass ich gerne lebe,
will mein Gott, willst du

Montag, 28. Januar 2019

Winterlandschaft

Weites, schneebedecktes Land
liegt menschenleer bis hin
zum Horizont, und mehr zu sehn
liegt außerhalb von Auge und Verstand.

Aus weißem, schneebedecktem Land
erheben Bäume schwarz und schwer sich,
einzeln und in kleinen Gruppen,
wie Noten, zitternd in der Partitur.

Über weites, schneebedecktes Land
weht scharf der Westwind in den Farben
Rot und Blau und Gelb und Grün,
und wenn der Teufel auf den Farben reitet,
wird Er bis in den Osten ziehn.

Samstag, 13. Oktober 2018

Parteienlandschaft

Morgen sind Wahlen in Bayern. Ich bin nicht wahlberechtigt. Ich bin Österreicher. Die CSU wird die morgigen Wahlen gewinnen, die Grünen werden zweitstärkste Partei. Der Spitzenkandidat der CSU hat eine Koalition mit den Grünen bereits ausgeschlossen. Plakatiert hat er den Slogan … damit Bayern stabil bleibt, gefehlt hat der Zusatz … und mein Sessel nicht wackelt.
Deutschlandweit stellt man sich zurzeit die Frage: Wohin geht die CDU? In Österreich regiert eine ÖVP/FPÖ-Koalition, was so schlecht ist wie ein CDU/AfD-Zusammenschluss. Die Grünen in Österreich sind nach den letzten Wahlen aus dem Parlament geflogen. Eine Linkspartei gibt es nicht. Alle (linken) Hoffnungen liegen bei der SPÖ.
Dieter Lesage würde sich wünschen, dass »die Linkspartei, …, der CDU auch mal gratulieren könnte, wenn sie etwas richtig macht.« (der Freitag, 11. Oktober 2018) - Das ist ein guter Punkt. Die AfD hat in Bayern plakatiert, dass sie für den Erhalt von Bargeld ist. Darf man ihr dafür gratulieren? Die Abschaffung von Bargeld führt á la longue in den Überwachungsstaat, wovor Norbert Häring eindrucksvoll gewarnt hat.
Wenn man Kritik an der GroKo übt, meint man dann die Tatsache, dass die SPD mit der CDU koaliert? Gibt es denn für die SPD eine bessere Idee? Gibt es für die CDU eine bessere Idee, als mit der SPD zu koalieren? Gibt es Ideen für eine Zusammenarbeit von Linken und Grünen? Geht es um Parteien, Personen oder Ideen?
Ich würde morgen die Linken wählen. Aber was ist links? An welchen Fragestellungen entscheidet sich, ob ich links bin? Wie unterscheide ich mich von anderen Linken? Und wo liegt die Grenze zu den Rechten? Zwischen CDU und AfD? Zwischen SPD und CDU? Zwischen den Linken und den Grünen?
Wenn ich nach Österreich schaue, muss ich zugeben, dass niemand wissen kann, was nach dem ÖVP/FPÖ-Desaster kommen wird. Ich weiß nur, dass ich bei der nächsten Wahl SPÖ wählen werde. Ich habe Sympathien für deren neue Spitzenkandidatin. Wenn ich mich als Wähler oute, dann will ich auch sagen, was mir an dieser SPÖ gefällt: Sie hat sich auf eine habilitierte Ärztin als neue Chefin geeinigt, die dem smarten Studienabbrecher das abringen wird, was sein einziges Kapital ist: Sympathiepunkte.
So wie ich es sehe, braucht es junge, fesche, intelligente Menschen in den linken Parteien. Parteinamen sind zweitrangig. Und mächtige, alte Männer sollten sich in den Hintergrund spielen.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Wackersdorf

Mit meiner Liebsten saß ich in einem Kino in Nürnberg. Wir haben uns Wackersdorf angesehen, den Spielfilm über die Ereignisse rund um die dortige Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll. Die Regierung von Franz Josef Strauß hatte den Bau dieser Anlage in den 1980er Jahren mit Gewalt durchsetzen wollen. Erst zwei Jahre nach Tschernobyl wurde das Vorhaben fallen gelassen. Am Bauzaun starben drei friedlich demonstrierende Menschen. Ein Gesetz wurde eigens erlassen, um den gewählten Landrat, der seine Zustimmung verweigert hatte, aus dem Amt zu entfernen. Bis heute warten Beteiligte von damals auf eine Entschuldigung des Staates.
Wir gingen schweigend und tief betroffen aus dem Saal. Manche Kinobesucher hatten Tränen in den Augen. Während der Heimfahrt ließ meine Liebste fallen, dass ihre Kinder - zwei davon studieren, die jüngste macht nächstes Jahr Abitur - noch nie von Wackersdorf gehört hätten.
Unlängst ist die Polizei im Hambacher Forst gegen Baumbesetzer vorgegangen. Der Abbau von Braunkohle hat dort noch im Jahr 2018 höchste Priorität. Gleichzeitig schwärmt uns die Autoindustrie von sauberen Elektroautos vor. Aber wo soll eigentlich der zusätzliche Strom herkommen?
Wenn ich mir dann die unendlich lange Liste der Hürden und Schwierigkeiten anschaue, die meine Liebste mit ihrem geflüchteten, syrischen Pflegesohn bewältigen muss, dann wird klar, dass auch sie einen Kampf führt. Der Feind ist in diesem Fall die AfD und ihr Umfeld. In Österreich sitzen deren Gesinnungsgenossen schon im Innenministerium und sägen an der Pressefreiheit. Wackersdorf war eine Bewährungsprobe. Und Demokratie ist keine Serviceeinrichtung.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Graswurzelrevolution

Arschlöcher an die Macht! 
Experten und Kritiker auf die Bühne!
Künstler*innen ins Besprechungszimmer!
Ärzte als Versuchskaninchen!
Pfaffen in den Chat!

Sonntag, 30. September 2018

Gedanken zum Gedicht »Irgendwo« von H.C. Artmann

Nirgendwo ist irgendwo. Aber wo ist Nirgendwo? Überall? Nein.

Das Irgendwo des Nirgendwo liegt im Auge des Betrachters. Nirgendwo ist ein Ort. Kein Film zeigt ihn auf. Kein Spiegel wirft ihn. Dennoch ist er da. Nur dort, wo unser Blick hinfällt, ist er nicht. Selbst wenn wir unseren Blick überall hinwerfen könnten, das Nirgendwo fänden wir nicht. Das Nirgendwo liegt im Auge dessen, der in die Welt blickt. Blickt ein anderer in diese Augen, liegt das Nirgendwo woanders. Mit dem Nirgendwo ist es wie mit der Wahrheit. Beide liegen irgendwo dazwischen. Das Nirgendwo an und für sich wird keiner erfassen, sondern bestenfalls den Honig unter Kanditen, den vergoldeten Zuckerhut, die Biene aus dem Wabengebilde Immenhäusle.

Aber, so könnte man fragen, wo bleibt das Nirgendwo, wenn es zwei davon gibt? Wenn zum Beispiel ein Mann in die Augen einer Frau blickt und gleichzeitig die Frau in die Augen dieses Mannes? Aus der Sicht des Mannes sind die Augen der Frau die Welt und seine eigenen Augen das Nirgendwo. Aus der Sicht der Frau sind die Augen des Mannes dessen Nirgendwo und ihre eigenen Augen dessen Welt. Und auch wenn die Frau in den Augen des Mannes die Welt sieht, so bleibt das eigene Nirgendwo der Frau für den Mann doch die Welt. Jedes Nirgendwo blickt in eine andere Welt.

Nicht nur in sehenden und blinden Menschen wohnt ein Nirgendwo, sondern auch in einer Turteltaube, in einem Rebstock oder einem Brief mit Adresse, Postporto, Stempel. Unendlich viele Orte Nirgendwo blicken in unendlich viele Welten. Sogar die Kraft einer echten Aktie ist ein Nirgendwo. Was wäre zum Beispiel, wenn unsere echte Aktie sich selbst im Spiegel betrachten könnte? Nun, die Aktie, die sich so wertvoll fühlt, weil ihr die ganze Welt zu Füßen liegt, würde erkennen, dass sie einen Spiegel sieht, aus dem heraus sie von einer Aktie angeblickt wird. Ihre eigene Kraft sähe die echte Aktie dann wohl nirgendwo.

Zum Schluss könnte man noch fragen, wo das Nirgendwo nicht ist. Das Nirgendwo ist überall dort nicht, wo jemand ist. Wenn die Frau zum Beispiel sich selbst mit den Augen des Mannes sieht, dann kommt das Nirgendwo in Bedrängnis. Und wenn der Mann in die Augen der Frau blickt, die durch seine Augen sich selbst sieht, dann wird es wirklich eng für das Nirgendwo. - Der Schlüssel zur Liebe ist die Geduld, der Schlüssel zur Geduld ist die Dankbarkeit. Die Dichter*innen dieser Welt nehmen sich die Zeit, die Orte Nirgendwo dem Reich der Liebe einzuverleiben.