Die Aufseher haben mir gesagt, ich soll meine Erinnerungen aufschreiben. Ich habe keine Ahnung, was die damit vorhaben, aber ich weiß, ich fahre besser, wenn ich mich nicht auflehne sondern kooperiere. Also sitze ich hier an meinem Schreibtisch, schaue aus dem Fenster in die Dunkelheit und suche nach einem roten Faden in meinem Leben. Ich will nichts mehr verheimlichen. Ich will einfach nur gestehen, alles schonungslos gestehen.
Vor vielleicht vierzehn Jahren lebte ich in Nürnberg. Ich pflegte damals eine Schreibpartnerschaft mit meinem Wiener Freund Jonas. Er war seit kurzem in Pension und frönte seiner Leidenschaft, dem Schriftstellerdasein. Einmal besuchte ich ihn in der Weltstadt des Raunzens und Zauderns, wie er Wien nannte, und konnte mit eigenen Augen sehen, wie zufrieden er mit seinem neuen Leben war. Jonas erzählte, dass er jeden Morgen in aller Früh aus dem Bett steigt, um sofort aufzuschreiben, was er geträumt hat. Dabei trinke ich in aller Ruhe, wie er sich ausdrückte, meinen Tee und genieße den Blick aus dem Küchenfenster.
Er lebte am Waldrand in einer Wohnung der Gemeinde Wien und hatte, nur wenige Schritte vom Haus entfernt, Natur um sich. Er ging jeden Tag laufen, absolvierte Routen über viele Kilometer. Nach dem Duschen und dem Frühstück schrieb er weiter, fertigte literarische Miniaturen an, wie er sie nannte, wollte den spielerischen Umgang mit Sprache, Text und Form üben.
Jeden Sonntag bekam ich eine Mail von ihm - mit Anhang. Dort fand ich seinen neuesten Text, den ich gewissenhaft las und kommentierte. Es tut mir gut, einen Abgabetermin zu haben, sagte er einmal, denn das hält mich im Fluss. Damit meinte er den Schreibfluss, den heiligsten Zustand im Leben eines Schriftstellers.
Eines Sonntags im November bekam ich keinen literarischen Text von Jonas. Stattdessen schickte er mir das Ergebnis einer Recherche über die damals neuen E-Scooter. Ich erfuhr von drei konkurrierenden Unternehmen, zwei US-amerikanischen und einem deutschen, die sich in Wien angesiedelt hatten, um den Markt zu erobern. Die Roller konnte nur nutzen, wer im Besitz einer Kreditkarte und eines Smartphones war. Jonas schien darin kein Problem zu sehen. Er wusste nicht, dass ich zu jener Zeit Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus von Shoshana Zuboff las. Auf die Reportage meines Wiener Schreibfreundes reagierte ich mit heftigen Einwänden. Siehst du die Gefahren nicht? fragte ich ihn. Es geht doch nur vordergründig um Datenakkumulation, vielmehr droht das Ende von Privatsphäre und der Beginn einer völlig neuen Ära von Ausbeutung und Sklaverei!
Doch das rührte Jonas nicht. Verzicht ist für mich kein Allheilmittel, erklärte er. Wenn ich mir mein Leben mit einer technischen Lösung verbessern kann, will ich diese nutzen.
Zu streiten erschien mir sinnlos. Deshalb schlug ich ihm eine Wette vor. Ich wettete darauf, dass ich den Zustand der Welt, in der wir 2030 leben würden, treffender beschreiben könne als er, setzte den Betrag von hundert Euro – und war überrascht, dass der sonst so zögerliche Jonas meine Herausforderung sofort annahm.
Damals war ich davon überzeugt, dass die Entwicklung der KI die Freiheit des Einzelnen Schritt für Schritt demontieren würde. Ich dachte dabei nicht an die Bewegungsfreiheit, wohl aber an die Gedankenfreiheit. Ich sah eine neue Klassengesellschaft entstehen. In ihr würde die große Masse der Menschen die Klasse der Schafe bilden, die abgestumpft und wahrnehmungsgestört dorthin läuft, wo die Herrscherklasse sie haben will. Die Herrscherklasse wäre zu einem handverlesenen elitären Zirkel mutiert, zu einer Clique, die sämtliches Kapital der Welt an sich gerafft hat, eine Art Donald-Duck-Club. Der Hauptgott dieser neuen Feudalherren hatte in meiner Phantasie den Namen: »Mehr!«
Die dritte Klasse schließlich, so bildete ich mir ein, bestünde aus den Künstlern und Intellektuellen. Diese Menschen wären gebildet, hinreichend versorgt, selbstbewusst – aber letztlich machtlos. Sie würden sich so gut vernetzt wie informiert fühlen, würden denken, sie hätten Zugang zu allem, was sie brauchen. Sie würden an Veränderbarkeit, Einfluss und Wirkung glauben und wichtig sein wollen. Sie würden glauben, dass sie Geschichte schreiben. Dabei würden sie gar nicht merken, dass sie nur mit sich selbst beschäftigt sind und den Schafen völlig egal.
Jonas in Wien sah das anders. Er behauptete, dass es seinen Kindern besser ging als ihm, als er in deren Alter war. Er konnte zwar sentimental werden, wenn er registrierte, dass etwas unerwartet verschwand, was es lange gegeben hatte, oft länger als er denken konnte, für immer verschwand, weil durch etwas Moderneres, Besseres, Leistungsstärkeres ersetzt. Aber ich kannte ihn als einen Menschen, der sich letztlich anpasste und fügte. Und in der Tat, Jonas schien sich zu einem Intellektuellen unter den Schafen zu entwickeln, zu einem, der unbehelligt in einer Welt ohne Grenzen leben durfte - während ich vor mehr als drei Jahren aufgegriffen, nach Reykjavik geflogen und im Internierungslager untergebracht wurde, in dem ich bis zum heutigen Tag festgehalten werde. Der Kontakt zu Jonas war damit durchschnitten. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt.
Heute, an dem Tag, an dem ich auf all das zurückblicke, schreiben wir den 31. Dezember 2032. Wir haben im Lager nie Internet gehabt und alles, was hinausgeht oder hereinkommt, wird von den Aufsehern kontrolliert. Wir erhalten zwar Bücher und Zeitungen, können Radio und Fernsehen empfangen. Aber Telefone hat es für uns nie gegeben. Wir dürfen Briefe schreiben, aber sie werden von den Aufsehern gelesen. Wir dürfen in den Briefen nicht erwähnen, dass wir uns auf Island befinden. Wir wissen nicht, ob unsere Briefe zugestellt werden, denn wir bekommen nie eine Antwort. Und wir werden rund um die Uhr beobachtet. Sogar auf den Toiletten gibt es Überwachungskameras. Wir wissen zwar, was sich in der Welt draußen abspielt, aber die Welt weiß von uns sicherlich nichts.
Damals, um das Jahr 2018/19, begannen Jonas und ich Fragen zu sammeln, die man mit Ja oder Nein beantworten sollte. Zum Beispiel: »Werden wir im Jahr 2030 in A/D (wir beschränkten unsere Prognosen auf Österreich und Deutschland) mit autonom fahrenden PKWs unterwegs sein?« Oder: »Wird es im Jahr 2030 in A/D ein allgemeines, bedingungsloses Grundeinkommen geben?« Oder: »Wird man im Jahr 2030 in A/D noch mit Bargeld bezahlen können?« - Für unsere Wette waren jene Fragen interessant, die wir unterschiedlich beantworteten. Zum Schluss hatten wir zwei Zukunftsszenarien, eines von Jonas und eines von mir. Sie bildeten die Grundlage für unsere Wette.
Was uns zuerst auffiel: An manchen Sonntagen hatten wir keinen Zugang zum Internet, konnten also unsere Texte nicht pünktlich abliefern. Irgendwann bekam ich dann eine Mail von Jonas, in der er mich nach Wien einlud. Ich rief ihn an, wollte die Einzelheiten klären, aber er behauptete steif und fest, dass er mir keine solche Mail geschickt hatte. Das kam mir höchst seltsam vor. Als dann solche und ähnliche Dinge immer wieder passierten, verlor ich langsam mein Vertrauen in Jonas. Dass diese Ungereimtheiten, um es vorsichtig zu formulieren, irgendetwas mit der Wette zu tun haben könnten, kam mir lange nicht in den Sinn. Was Jonas zu diesen Dingen dachte, wusste ich nicht. Sein Verhalten wurde zunehmend merkwürdig. Irgendwann behauptete er, ich wolle ihn absichtlich verwirren, um am Ende behaupten zu können, er leide an Demenz. Ich hingegen hatte nie etwas von Demenz geschrieben, höchstens in einem meiner – literarischen! – Texte. Es war klar, dass er Dinge durcheinanderbrachte. Um mir eins auszuwischen, begann er, meine Texte auf vernichtende Art zu kritisieren. Mit der Schriftstellerei hatte das nichts mehr zu tun, das war klar. Er war beleidigend. Ich wurde wütend. Es war wie in einer Beziehung. Absurd. Irgendwann beschloss ich, nach Wien zu fahren. Unangekündigt. Ich wollte klären, was da los war. Ich weiß noch: Es war eine spontane Eingebung. Ich fuhr den Computer hoch, rief die Seite der Deutschen Bahn auf und ging, weil keine Verbindung hergestellt werden konnte, stattdessen Post holen. Ich staunte nicht schlecht, als ich ein Kuvert der Deutschen Bahn aus dem Fach holte. Darin war ein Code, mit dem ich einen Preisnachlass bekommen konnte, wenn ich ein Zugticket vor einem bestimmten Datum kaufe. Konnte das Zufall sein? Ich bekam es mit der Angst zu tun.
Hier im Lager habe ich rasch verstanden, was damals gespielt wurde. Alle meine Kolleg*innen haben ähnliche Dinge erlebt. Die Bosse der Internetriesen im Silicon Valley hatten schon um die 2020er Jahre klare Vorstellungen davon, wie die Weltgesellschaft organisiert werden müsse. Für uns sogenannte Unberechenbare kam nur die Rückführung ins analoge Zeitalter infrage. Angst habe ich jetzt keine mehr. Unser Leben hier ist nicht schlecht. Eigentlich ist es sogar bequem. Aber ich stelle mir zunehmend die Frage: Ist dieses Leben noch sinnvoll?
Ich fuhr damals nicht nach Wien. Ich schrieb auch keine Mails mehr. Der Kontakt zu Jonas schlief ein. Ich vertiefte mich in die Lektüre belletristischer Literatur, las Romane, die in Wien spielten, von Peter Henisch und Michael Köhlmeier beispielsweise, und trauerte mit schwindender Intensität meiner Wiener Freundschaft nach. Irgendwann hatte ich die Wette mit Jonas so gut wie vergessen.
Dann kam mit der guten alten Post ein Kuvert aus Wien. Jonas hatte einen Text ausgedruckt und bat mich um Kommentare. Ich las die Geschichte zweier Freunde, die eine Wette abschlossen, dabei in Streit gerieten und zu erbitterten Feinden wurden. Das machte mich tief betroffen und ich schickte sogleich eine Mail an Jonas. Ich wollte die Sache aufklären.
Er hingegen schlug vor, einen Zeugen beizuziehen, der im Streitfall entscheiden sollte, wer unsere Wette gewonnen hat. Jetzt war ich richtig besorgt. Um Zeit zu gewinnen, erklärte ich mich einverstanden. Jonas schlug als Zeugen einen Juristen aus der Familie seiner Ex-Frau vor. Ich kannte den Mann nicht, war also durchaus misstrauisch, stimmte aber zum Schein zu. Wir übermittelten diesem Juristen, einem gewissen Dr. Glotz, unsere Prognosen für das Jahr 2030 und den genauen Wortlaut der Wette. Dann rührte sich länger nichts.
Ein halbes Jahr später bekam ich den Brief einer Anwaltskanzlei aus München, in dem diese erklärte, ich hätte eine Wette gewonnen. Der Sachbearbeiter wolle eine Prämie von 250 Euro auf mein Konto überweisen, wenn ich im Gegenzug einen Vertrag unterzeichne, in dem ich auf sämtliche Forderungen im Zusammenhang mit meiner Wette, insbesondere auf das Urheberrecht, verzichte. Sofort rief ich Jonas an und verlangte eine Erklärung. Doch dieser zeigte sich ahnungslos. Den Brief der Kanzlei ließ ich unbeantwortet.
Kaum ein Jahr später las ich in der Süddeutschen von einem Start-Up, das eine neue Wette-App höchst erfolgreich auf den Markt gebracht hatte. Dabei handelte es sich um ein Spiel, bei dem die User*innen künftige Entwicklungen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft prognostizieren und, wenn man richtig lag, sogenannte Betcoins gewinnen konnte. Ich war nicht überrascht, dass dieses Start-Up wenig später von Google aufgekauft wurde. Damit konnte man im Silicon Valley nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch deren Erwartungen voraussehen. Der Erwartungsüberschussgewinn war geboren.
Draußen schneit es wie verrückt. Ich habe kein schlechtes Leben. Wir haben genug zu essen und zu trinken, genug zu lesen und zu reden, es gibt einen Turnsaal, ein Musikzimmer, ein kleines Kino. Es ist warm. Wenn ich in der Früh aufwache, schreibe ich auf, was ich geträumt habe. Es gibt im Lager eine Schreibgruppe, an der ich teilnehmen darf. Da lesen wir uns gegenseitig unsere neuesten Texte vor. Mich stört es kaum noch, dass alles aufgezeichnet wird. Die Aufseher kennen uns durch und durch, lassen uns aber in Ruhe leben und arbeiten. Und ich lande immer wieder bei der Frage: Ist dieses Leben noch sinnvoll?
Ich rechne nicht damit, dass ich Wien oder Nürnberg je wiedersehen werde. Jonas wird wahrscheinlich denken, ich sei untergetaucht, um den Behörden zu entkommen. Außerhalb des Lagers weiß niemand, dass ich hier bin. Meine Gedanken sind frei, aber frei bewegen kann ich mich nicht. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich an der Entwicklung des EÜG nicht unbeteiligt war. Wer weiß? Hätte ich damals meinem Freund Jonas diese dumme Wette nicht vorgeschlagen, dann säße ich jetzt vielleicht nicht auf Island fest.