Montag, 27. April 2020

Corona-Rap

Fastenmonat Ramadan
Fasst´s den Olio jå ned æn
Wir grüßen Corona in U. S. A.
Und in Nippon ♪ eh a
 
Offiziere und Rekruten
Tun die Afrikaner bluten
Ärzt*innen ohne Grenzen
Machen Schluss mit Schule Schwänzen
 
Ordnung ist das halbe Leben
Und das andere ist Geben
Sinn des Lebens ist die Frage
Nach dem Sinn des Lebens selbst
 
Ermunterung vermissen wir
Eines Tages sind wir vier
Dann fünf, dann sieben, neun und acht
Allah wünscht allen: Gute Nacht!

Samstag, 25. April 2020

Die Wette

Die Aufseher haben mir gesagt, ich soll meine Erinnerungen aufschreiben. Ich habe keine Ahnung, was die damit vorhaben, aber ich weiß, ich fahre besser, wenn ich mich nicht auflehne sondern kooperiere. Also sitze ich hier an meinem Schreibtisch, schaue aus dem Fenster in die Dunkelheit und suche nach einem roten Faden in meinem Leben. Ich will nichts mehr verheimlichen. Ich will einfach nur gestehen, alles schonungslos gestehen.

Vor vielleicht vierzehn Jahren lebte ich in Nürnberg. Ich pflegte damals eine Schreibpartnerschaft mit meinem Wiener Freund Jonas. Er war seit kurzem in Pension und frönte seiner Leidenschaft, dem Schriftstellerdasein. Einmal besuchte ich ihn in der Weltstadt des Raunzens und Zauderns, wie er Wien nannte, und konnte mit eigenen Augen sehen, wie zufrieden er mit seinem neuen Leben war. Jonas erzählte, dass er jeden Morgen in aller Früh aus dem Bett steigt, um sofort aufzuschreiben, was er geträumt hat. Dabei trinke ich in aller Ruhe, wie er sich ausdrückte, meinen Tee und genieße den Blick aus dem Küchenfenster.

Er lebte am Waldrand in einer Wohnung der Gemeinde Wien und hatte, nur wenige Schritte vom Haus entfernt, Natur um sich. Er ging jeden Tag laufen, absolvierte Routen über viele Kilometer. Nach dem Duschen und dem Frühstück schrieb er weiter, fertigte literarische Miniaturen an, wie er sie nannte, wollte den spielerischen Umgang mit Sprache, Text und Form üben.
Jeden Sonntag bekam ich eine Mail von ihm - mit Anhang. Dort fand ich seinen neuesten Text, den ich gewissenhaft las und kommentierte. Es tut mir gut, einen Abgabetermin zu haben, sagte er einmal, denn das hält mich im Fluss. Damit meinte er den Schreibfluss, den heiligsten Zustand im Leben eines Schriftstellers.
Eines Sonntags im November bekam ich keinen literarischen Text von Jonas. Stattdessen schickte er mir das Ergebnis einer Recherche über die damals neuen E-Scooter. Ich erfuhr von drei konkurrierenden Unternehmen, zwei US-amerikanischen und einem deutschen, die sich in Wien angesiedelt hatten, um den Markt zu erobern. Die Roller konnte nur nutzen, wer im Besitz einer Kreditkarte und eines Smartphones war. Jonas schien darin kein Problem zu sehen. Er wusste nicht, dass ich zu jener Zeit Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus von Shoshana Zuboff las. Auf die Reportage meines Wiener Schreibfreundes reagierte ich mit heftigen Einwänden. Siehst du die Gefahren nicht? fragte ich ihn. Es geht doch nur vordergründig um Datenakkumulation, vielmehr droht das Ende von Privatsphäre und der Beginn einer völlig neuen Ära von Ausbeutung und Sklaverei! 
Doch das rührte Jonas nicht. Verzicht ist für mich kein Allheilmittel, erklärte er. Wenn ich mir mein Leben mit einer technischen Lösung verbessern kann, will ich diese nutzen.

Zu streiten erschien mir sinnlos. Deshalb schlug ich ihm eine Wette vor. Ich wettete darauf, dass ich den Zustand der Welt, in der wir 2030 leben würden, treffender beschreiben könne als er, setzte den Betrag von hundert Euro – und war überrascht, dass der sonst so zögerliche Jonas meine Herausforderung sofort annahm.

Damals war ich davon überzeugt, dass die Entwicklung der KI die Freiheit des Einzelnen Schritt für Schritt demontieren würde. Ich dachte dabei nicht an die Bewegungsfreiheit, wohl aber an die Gedankenfreiheit. Ich sah eine neue Klassengesellschaft entstehen. In ihr würde die große Masse der Menschen die Klasse der Schafe bilden, die abgestumpft und wahrnehmungsgestört dorthin läuft, wo die Herrscherklasse sie haben will. Die Herrscherklasse wäre zu einem handverlesenen elitären Zirkel mutiert, zu einer Clique, die sämtliches Kapital der Welt an sich gerafft hat, eine Art Donald-Duck-Club. Der Hauptgott dieser neuen Feudalherren hatte in meiner Phantasie den Namen: »Mehr!«

Die dritte Klasse schließlich, so bildete ich mir ein, bestünde aus den Künstlern und Intellektuellen. Diese Menschen wären gebildet, hinreichend versorgt, selbstbewusst – aber letztlich machtlos. Sie würden sich so gut vernetzt wie informiert fühlen, würden denken, sie hätten Zugang zu allem, was sie brauchen. Sie würden an Veränderbarkeit, Einfluss und Wirkung glauben und wichtig sein wollen. Sie würden glauben, dass sie Geschichte schreiben. Dabei würden sie gar nicht merken, dass sie nur mit sich selbst beschäftigt sind und den Schafen völlig egal.

Jonas in Wien sah das anders. Er behauptete, dass es seinen Kindern besser ging als ihm, als er in deren Alter war. Er konnte zwar sentimental werden, wenn er registrierte, dass etwas unerwartet verschwand, was es lange gegeben hatte, oft länger als er denken konnte, für immer verschwand, weil durch etwas Moderneres, Besseres, Leistungsstärkeres ersetzt. Aber ich kannte ihn als einen Menschen, der sich letztlich anpasste und fügte. Und in der Tat, Jonas schien sich zu einem Intellektuellen unter den Schafen zu entwickeln, zu einem, der unbehelligt in einer Welt ohne Grenzen leben durfte - während ich vor mehr als drei Jahren aufgegriffen, nach Reykjavik geflogen und im Internierungslager untergebracht wurde, in dem ich bis zum heutigen Tag festgehalten werde. Der Kontakt zu Jonas war damit durchschnitten. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt.

Heute, an dem Tag, an dem ich auf all das zurückblicke, schreiben wir den 31. Dezember 2032. Wir haben im Lager nie Internet gehabt und alles, was hinausgeht oder hereinkommt, wird von den Aufsehern kontrolliert. Wir erhalten zwar Bücher und Zeitungen, können Radio und Fernsehen empfangen. Aber Telefone hat es für uns nie gegeben. Wir dürfen Briefe schreiben, aber sie werden von den Aufsehern gelesen. Wir dürfen in den Briefen nicht erwähnen, dass wir uns auf Island befinden. Wir wissen nicht, ob unsere Briefe zugestellt werden, denn wir bekommen nie eine Antwort. Und wir werden rund um die Uhr beobachtet. Sogar auf den Toiletten gibt es Überwachungskameras. Wir wissen zwar, was sich in der Welt draußen abspielt, aber die Welt weiß von uns sicherlich nichts.

Damals, um das Jahr 2018/19, begannen Jonas und ich Fragen zu sammeln, die man mit Ja oder Nein beantworten sollte. Zum Beispiel: »Werden wir im Jahr 2030 in A/D (wir beschränkten unsere Prognosen auf Österreich und Deutschland) mit autonom fahrenden PKWs unterwegs sein?« Oder: »Wird es im Jahr 2030 in A/D ein allgemeines, bedingungsloses Grundeinkommen geben?« Oder: »Wird man im Jahr 2030 in A/D noch mit Bargeld bezahlen können?« - Für unsere Wette waren jene Fragen interessant, die wir unterschiedlich beantworteten. Zum Schluss hatten wir zwei Zukunftsszenarien, eines von Jonas und eines von mir. Sie bildeten die Grundlage für unsere Wette.

Was uns zuerst auffiel: An manchen Sonntagen hatten wir keinen Zugang zum Internet, konnten also unsere Texte nicht pünktlich abliefern. Irgendwann bekam ich dann eine Mail von Jonas, in der er mich nach Wien einlud. Ich rief ihn an, wollte die Einzelheiten klären, aber er behauptete steif und fest, dass er mir keine solche Mail geschickt hatte. Das kam mir höchst seltsam vor. Als dann solche und ähnliche Dinge immer wieder passierten, verlor ich langsam mein Vertrauen in Jonas. Dass diese Ungereimtheiten, um es vorsichtig zu formulieren, irgendetwas mit der Wette zu tun haben könnten, kam mir lange nicht in den Sinn. Was Jonas zu diesen Dingen dachte, wusste ich nicht. Sein Verhalten wurde zunehmend merkwürdig. Irgendwann behauptete er, ich wolle ihn absichtlich verwirren, um am Ende behaupten zu können, er leide an Demenz. Ich hingegen hatte nie etwas von Demenz geschrieben, höchstens in einem meiner – literarischen! – Texte. Es war klar, dass er Dinge durcheinanderbrachte. Um mir eins auszuwischen, begann er, meine Texte auf vernichtende Art zu kritisieren. Mit der Schriftstellerei hatte das nichts mehr zu tun, das war klar. Er war beleidigend. Ich wurde wütend. Es war wie in einer Beziehung. Absurd. Irgendwann beschloss ich, nach Wien zu fahren. Unangekündigt. Ich wollte klären, was da los war. Ich weiß noch: Es war eine spontane Eingebung. Ich fuhr den Computer hoch, rief die Seite der Deutschen Bahn auf und ging, weil keine Verbindung hergestellt werden konnte, stattdessen Post holen. Ich staunte nicht schlecht, als ich ein Kuvert der Deutschen Bahn aus dem Fach holte. Darin war ein Code, mit dem ich einen Preisnachlass bekommen konnte, wenn ich ein Zugticket vor einem bestimmten Datum kaufe. Konnte das Zufall sein? Ich bekam es mit der Angst zu tun.

Hier im Lager habe ich rasch verstanden, was damals gespielt wurde. Alle meine Kolleg*innen haben ähnliche Dinge erlebt. Die Bosse der Internetriesen im Silicon Valley hatten schon um die 2020er Jahre klare Vorstellungen davon, wie die Weltgesellschaft organisiert werden müsse. Für uns sogenannte Unberechenbare kam nur die Rückführung ins analoge Zeitalter infrage. Angst habe ich jetzt keine mehr. Unser Leben hier ist nicht schlecht. Eigentlich ist es sogar bequem. Aber ich stelle mir zunehmend die Frage: Ist dieses Leben noch sinnvoll?

Ich fuhr damals nicht nach Wien. Ich schrieb auch keine Mails mehr. Der Kontakt zu Jonas schlief ein. Ich vertiefte mich in die Lektüre belletristischer Literatur, las Romane, die in Wien spielten, von Peter Henisch und Michael Köhlmeier beispielsweise, und trauerte mit schwindender Intensität meiner Wiener Freundschaft nach. Irgendwann hatte ich die Wette mit Jonas so gut wie vergessen.

Dann kam mit der guten alten Post ein Kuvert aus Wien. Jonas hatte einen Text ausgedruckt und bat mich um Kommentare. Ich las die Geschichte zweier Freunde, die eine Wette abschlossen, dabei in Streit gerieten und zu erbitterten Feinden wurden. Das machte mich tief betroffen und ich schickte sogleich eine Mail an Jonas. Ich wollte die Sache aufklären.

Er hingegen schlug vor, einen Zeugen beizuziehen, der im Streitfall entscheiden sollte, wer unsere Wette gewonnen hat. Jetzt war ich richtig besorgt. Um Zeit zu gewinnen, erklärte ich mich einverstanden. Jonas schlug als Zeugen einen Juristen aus der Familie seiner Ex-Frau vor. Ich kannte den Mann nicht, war also durchaus misstrauisch, stimmte aber zum Schein zu. Wir übermittelten diesem Juristen, einem gewissen Dr. Glotz, unsere Prognosen für das Jahr 2030 und den genauen Wortlaut der Wette. Dann rührte sich länger nichts.

Ein halbes Jahr später bekam ich den Brief einer Anwaltskanzlei aus München, in dem diese erklärte, ich hätte eine Wette gewonnen. Der Sachbearbeiter wolle eine Prämie von 250 Euro auf mein Konto überweisen, wenn ich im Gegenzug einen Vertrag unterzeichne, in dem ich auf sämtliche Forderungen im Zusammenhang mit meiner Wette, insbesondere auf das Urheberrecht, verzichte. Sofort rief ich Jonas an und verlangte eine Erklärung. Doch dieser zeigte sich ahnungslos. Den Brief der Kanzlei ließ ich unbeantwortet.
Kaum ein Jahr später las ich in der Süddeutschen von einem Start-Up, das eine neue Wette-App höchst erfolgreich auf den Markt gebracht hatte. Dabei handelte es sich um ein Spiel, bei dem die User*innen künftige Entwicklungen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft prognostizieren und, wenn man richtig lag, sogenannte Betcoins gewinnen konnte. Ich war nicht überrascht, dass dieses Start-Up wenig später von Google aufgekauft wurde. Damit konnte man im Silicon Valley nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch deren Erwartungen voraussehen. Der Erwartungsüberschussgewinn war geboren.

Draußen schneit es wie verrückt. Ich habe kein schlechtes Leben. Wir haben genug zu essen und zu trinken, genug zu lesen und zu reden, es gibt einen Turnsaal, ein Musikzimmer, ein kleines Kino. Es ist warm. Wenn ich in der Früh aufwache, schreibe ich auf, was ich geträumt habe. Es gibt im Lager eine Schreibgruppe, an der ich teilnehmen darf. Da lesen wir uns gegenseitig unsere neuesten Texte vor. Mich stört es kaum noch, dass alles aufgezeichnet wird. Die Aufseher kennen uns durch und durch, lassen uns aber in Ruhe leben und arbeiten. Und ich lande immer wieder bei der Frage: Ist dieses Leben noch sinnvoll?
Ich rechne nicht damit, dass ich Wien oder Nürnberg je wiedersehen werde. Jonas wird wahrscheinlich denken, ich sei untergetaucht, um den Behörden zu entkommen. Außerhalb des Lagers weiß niemand, dass ich hier bin. Meine Gedanken sind frei, aber frei bewegen kann ich mich nicht. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich an der Entwicklung des EÜG nicht unbeteiligt war. Wer weiß? Hätte ich damals meinem Freund Jonas diese dumme Wette nicht vorgeschlagen, dann säße ich jetzt vielleicht nicht auf Island fest.

Lao-tse

den anderen durchschauen
ist intelligent
sich selbst durchschauen
ist weise

den anderen überwältigen

ist mächtig
sich selbst bewältigen
ist stark

wer genügsam ist
ist reich
wer das versteht und dauernd lebt
ist willensstark

wer darauf baut
wird überleben
und nimmt der Tod das Leben fort
leben da wie dort
sein Geist und seine Seele


(Kapitel 33)

Freitag, 24. April 2020

Heilige Wirtschaftswissenschaft

"Der Tag ist nicht weit, an dem das ökonomische Problem in die hinteren Ränge verbannt werden wird, dort, wo es hingehört. Dann werden Herz, Hirn und Sinne sich wieder mit unseren wirklichen Problemen befassen können - den Fragen nach dem Leben und den menschlichen Bedürfnissen, nach der Schöpfung, nach unserem Verhalten und nach dem Glauben."

John Maynard Keynes (1945)

Kants letzte Worte

Was dürfen wir hoffen?
Wir dürfen hoffen, dass unsere Seelen zu leiden aufhören werden, dass alles in unserem Leben einen Sinn hat, dass wir wohlwollend und behutsam mit uns und anderen umgehen können, dass das Gute letztlich siegt und dass die Freude das oberste Prinzip sein darf.

Was sollen wir hoffen?
Wir sollen hoffen, was wir hoffen dürfen und was wir hoffen wollen, sofern es dem, was wir hoffen dürfen, nicht widerspricht.

Was sollen wir tun?
Wir sollen das tun, was möglich ist und was wir tun wollen, sofern es dem, was wir hoffen sollen, nicht widerspricht.

Was sollen wir wissen?
Wir sollen wissen, welches Wissen wesentlich ist und welches nicht.

Was können wir wissen?
Wir können wissen, was wir nicht wissen, sofern es an dem anknüpft, was wir wissen.

Was wissen wir?
Wir wissen, dass wir von dem, was wir wissen können, etwas wissen wollen oder auch nicht.

Vom Geld

Das Stieropfer der Antike war ein Substitut für das Menschenopfer.
(Christina von Braun: Der Preis des Geldes - eine Kulturgeschichte, S. 439) 

Ergänzung:
Das Geld war und ist ein Substitut für Gott.

Das Prinzip Zuversicht

Ich glaube an Allah, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde
und an seinen Sohn Jesus Christus
sowie an seine Propheten Abraham, Moses und Mohammed;
ich glaube an eine Heerschar von Schutzengeln, Heiligen und Ahnen;
ich glaube an alle guten Geister und Götter der Natur

Ich glaube, wir sollten das Böse
nicht im Gleichmarsch bezwingen wollen,
sondern jeder und jede auf seine und ihre Art und Weise;
unser größter gemeinsamer Feind ist die Angst;
wir spielen Basketball gegen diese Angst;
unsere stärkste Waffe ist die Spielfreude;
mit Geschick und Teamgeist werden wir die Angst besiegen;
ich glaube an die Zuversicht

Donnerstag, 23. April 2020

Gretchenfrage 8

Warum gilt uns Dietrich Bonhoeffer nicht als heilig?

Mittwoch, 22. April 2020

Berufung

Als Dichternatur
und Zeitmillionär
bin ich ein
Ritter der Dichter
der seinem Herrn
Jesus Christus dient

Über die Liebe

Wenn ein Käfer einen Grashalm liebt,
dann sagen wir: jö schau, ein Käfer
Wenn ein Vogel seinen Platz am Dach liebt,
dann sagen wir: jö schau, ein Vogel
Wenn ein Hund an der Leine zerrt,
dann sagen wir: jö schau, ein Hund
Wenn ein roter Mazda mit siebzig über die Kreuzung rast,
dann sagen wir: jö schau, so eine Sau
Und wenn ein trauriger Löwe seine Schnauze am Gitter reibt,
dann sagen wir: jö schau, ein Löwe

Die Liebe ist ein rundes Ding,
das keine Kompromisse mag
Verzeihn wir ihr diesen kleinen Fehler
und kommen wir ihr dadurch entgegen,
dass wir uns in ihre Lage versetzen
und das Weite suchen

Ich liebe meinen Grashalm
Ich liebe meinen Platz am Dach
Ich liebe es, bis zur Erschöpfung zu laufen
Ich bin rot und habe es eilig

Sonntag, 19. April 2020

Anton und Berta

Anton und Berta gehen Hand in Hand in den Abendmahl-Gottesdienst. Berta hängt dem Glauben stärker an als Anton. Aber Anton glaubt auch. Er glaubt und zweifelt, müht sich ab, sucht nach Echtheit und Klarheit. Für Berta ist das Glauben einfacher. Ihr Weltbild ist ausgereift, sie steht mit ihren Kindern fest im Leben, hat einen anstrengenden Beruf und schöpft Kraft aus ihrem Glauben.
Berta ist redselig, erzählt den anderen Kirchgängern von den neuesten Entwicklungen. Anton hält sich in ihrem Schatten auf. Er beantwortet die Fragen anderer für gewöhnlich knapp. Ein Sitznachbar erkundigt sich nach seinen Eltern. Anton will aus Bertas Schatten treten und erzählt von seiner alten Mutter, die weit weg lebt und ihn dennoch nervt. Diese Geschichte will ehrlich sein, klingt aber unschön. Antons Nachbar ist unangenehm berührt. Im Gottesdienst ist eine heile Welt gefragt, denkt Anton. Er hätte auch ein anderes Bild von seiner Mutter zeichnen können.
Bertas Gesprächspartner strahlt, als er erfährt, dass sie und Anton ein Haus kaufen wollen. Er finde das toll, lässt sich Fotos zeigen, ob man das Handy drehen könne?, nein, es sei ein Screenshot, die Scheune sei denkmalgeschützt und müsse restauriert werden, sehr interessant, was habt ihr mit der Scheune vor?
Anton würde das alles nicht mit Bertas Freude erzählen. Sie sind noch nicht lange ein Paar und in manchen Dingen grundverschieden. Zudem hat Anton kaum Erfahrung mit Partnerschaft und Paarbeziehung. Für ihn ist vieles von dem, was er mit Berta erlebt, völlig neu. Wer bestimmt, was geschieht? Wer passt sich an? Wer steht wann am Rand und beobachtet das Geschehen?
Um klar denken zu können, würde Anton die Stille und das Alleinsein brauchen. Vielleicht würde er dann denken, dass er sich aus freien Stücken für die Beziehung mit Berta entschieden hat. Dass er sich an diese Entscheidung gebunden fühlt. Dass er Konflikte aushalten können muss. Dass Widerstand gegen die Gegebenheiten mit Kosten verbunden ist. Dass er vor allem folgende Frage beantworten muss: Was ist das Ziel meines Widerstands?
Der Kelch mit Christi Blut wird Anton gereicht. Er versteht die Worte nicht, die dabei gemurmelt werden. Muss er etwas sagen? Er tunkt sein Brotstück ein und legt es sich auf die Zunge. Den Kelch nimmt er in seine Hände, bietet ihn Berta an. Sie flüstert ihm zu, was er zu sagen hat. Anton fühlt sich fremd und unpassend. Warum ist er hier? Wegen Gott? Wegen Jesus? Wegen Berta?
Anton will sich anpassen, unterordnen und fühlt sich unwohl. Es steht die Außenwirkung für sie beide als Paar auf dem Spiel. Wenn Berta ihn jetzt fragen könnte, was brauchst du?, er wüsste keine Antwort. Im Rahmen eines Gottesdienstes geht es nicht um die eigenen Bedürfnisse, oder doch? Wenn sie ihn fragen könnte, bekommst du, was du brauchst?, würde er antworten: nein.

Anton und Berta gehen nebeneinander zum Auto, um nach Hause zu fahren. Sie haben Wein getrunken, doch der Weg ist nicht weit. Beide spüren die angespannte Atmosphäre. Später liegen sie im Bett, jeder auf seiner Seite.
Berta will reden. Sie fragt: »Und? Wie war der Abend für dich?«
»Na ja, ich fühle mich in Gruppen nicht unbedingt wohl.«
Berta wartet, ob noch etwas nachkommt.
»Magst du darüber reden?«
»Ich weiß nicht. Manche Dinge sind mir fremd. In der Gruppe herrscht Zwang. Ich fühle mich gefangen.«
»Wärest du lieber zu Hause geblieben?«
»Nein. Das passt schon. Ich wollte da mit.«
Berta seufzt, dreht sich auf die Seite und löscht das Licht. Es ist wohl besser, wenn sie ihn vorläufig in Ruhe lässt. Andernfalls fühlt er sich bedrängt.
Anton kann nicht klar denken. Sein Kopf schwirrt. Tausend Bilder jagen durch sein Gehirn. Der Vater taucht auf, der sich über das scheinheilige Getue frommer Christen immer lustig gemacht hat.
»Ich frage mich, warum ich zum Rebell geworden bin.«
Berta dreht sich auf seine Seite. Er soll das Gefühl haben, dass sie ihm zuhört.
»Ich war mein Leben lang Außenseiter, Sonderling, Exzentriker – alles, weil ich irgendwie wahrgenommen werden wollte. Für meinen Vater war ich nie gut genug.«
Berta sagt nichts dazu. Sie glaubt, ihren Anton neben sich zu haben, den authentischen Anton, der aus seinem Innersten schöpft, um das Eigentliche auszusprechen.
»Mein Vater sah in mir den Störenfried. Mir galt die Normalität des Mainstream als Ursache für die weltweiten Missstände. Ich frage mich: Wann ist Widerstand gerechtfertigt?«
»Wenn Aussicht auf Verbesserung besteht?«, schlägt Berta vor.
»Ja. Oder wenn der Leidensdruck zu groß ist.«
Anton ist noch nicht zufrieden. Welche Verbesserung strebt er an? Was ist sein Ziel? Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht, sagt eine Stimme in seinem Kopf. Es geht um die Wahlfreiheit, denkt er.
»Weißt du, es ist so: Fühle ich mich ungenügend, will ich flüchten und allein sein. Fühle ich mich schön, stark und gut, dann will ich bleiben und den Erfolg genießen.«
»Das verstehe ich«, sagt Berta. Und legt ihm ihre Hand auf die Brust.
Ich wäre frei, denkt Anton, wenn ich mich je nach Situation zwischen Anpassung und Widerstand entscheiden könnte. Frei entscheiden. Und nicht unbewusst, nach einem eingelernten Automatismus.
»Wollen wir noch beten?«, fragt Berta.
Für gewöhnlich ist es Berta, die mit dem abendlichen Gebet beginnt, für gewöhnlich beginnt sie mit den Worten: Herr, ich danke Dir für diesen Tag …
Aber heute ist es Anton, der das Wort ergreift: »Lieber Gott, ich danke dir dafür, dass du mich und Berta zusammengeführt hast. Auch wenn ich die Liebe nicht immer spüre, so weiß ich doch, dass ich geliebt werde. Amen.«
»Amen«, sagt Berta und küsst ihren Anton auf den Mund.

Anton sitzt vor dem gedeckten Tisch. Ihm ist nicht zum Lachen. Er lebt im Luxus, aber Freude empfindet er nicht. Lieber würde er im Bett liegen, schlafen und alles vergessen. Woher kommt diese schlechte Stimmung? Wenn Berta ihn jetzt fragen würde, bekommst du, was du brauchst?, müsste er antworten: nein.
Aber Berta ist nicht bei ihm. Sie ist mit ihrer Familie beschäftigt, mit den Erwartungen ihrer Mutter, ihrer krebskranken Schwester, ihrer Kinder. Berta ist ein Energiebündel, ein Tat-Mensch, eine Löwenmama. Aber auch sie hat ihre Bedürfnisse.
Anton will, dass es seiner Liebsten gut geht. Wenn er gut gelaunt wäre, würde das helfen. Zufriedenheit würde helfen, innere Zufriedenheit. Ruhe und Ausgeglichenheit. Berta spürt sofort, wenn mit Anton etwas nicht stimmt. Anton würde sein Problem gerne aus der Welt schaffen. Doch was ist sein Problem und woher kommt es?
Er nimmt das Besteck in die Hand, schneidet ins Fleisch, führt die Gabel zum Mund und kaut. Eigentlich hat er keinen Hunger. Er ist müde. Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Bertas Familie saß um den Tisch. Es wurden viele Gespräche geführt. Aber alle kamen irgendwie zu kurz. Unerfüllte Erwartungen blieben zurück.
Draußen scheint die Sonne, es bläst ein lauer Wind. Alle sind ausgeflogen, haben wieder viel zu tun, müssen verdauen. Ich bin für meine Zufriedenheit selbst verantwortlich, denkt Anton. Wenn ich schlafen will, kann ich das jederzeit tun. Er hat in der Nacht ausreichend geschlafen, hat Kaffee getrunken, geduscht, mit seiner Mutter telefoniert. Sie klang traurig. Auch ihre Erwartungen wurden nicht erfüllt.
»Frohe Ostern!«, hat man sich gegenseitig gewünscht. Auch »Christus ist auferstanden!«, war einige Male zu hören. Wie kommt es, dass Anton nicht lachen kann? Was macht der auferstandene Christus mit ihm? Was macht Ostern mit den Menschen? Osterhasen und Ostereier erhöhen den Blutzuckerspiegel. Schokolade macht gute Laune. Ein mit Süßigkeiten gedeckter Tisch sieht lustig aus.
Gott ist Fleisch geworden und hat dieses Fleisch geopfert. Die Menschen beißen dem Osterhasen den Kopf ab. Anton neigt zu Zynismus. Ist das ein Zeichen von Humor? Er sitzt vor seinem halbleeren Teller, nimmt einen Schluck aus dem Wasserglas und hält inne. Wenn ich gut gelaunt wäre, könnte ich für die gute Laune meiner Liebsten sorgen. Jesus würde vielleicht sagen, wirf deine Sorgen auf den Herrn! Anton weiß, dass er seinen Glauben braucht - wie ein Rückgrat, das ihm erlaubt, aufrecht zu gehen.